Baum am Wasser

So spricht der Herr: Verflucht der Mann, der auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt, und dessen Herz sich abwendet vom Herrn. Er ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen Land, wo niemand wohnt.
Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte. (Jer 17,5-8)

Ein sehr anschauliches Bild gebraucht der Prophet Jeremia an dieser Stelle und da stellt sich uns heutigen doch sofort die Frage, wo wir uns und unsere Kirche wiederfinden. Nur allzu oft scheint es mir eher der kahle Strauch zu sein, als der Baum am Wasser.
Wo suchen wir persönlich Halt? Wo suchen die Menschen unserer Zeit Halt? Woran macht sich die Kirche, besonders in Deutschland fest?
Viel zu oft sind die Schlagworte, die dann genannt werden müssen Aktien, Wirtschaft, Wohlstand, Geld, Macht. Darum muss in den Augen vieler Zeitgenossen auch der Sonntag dem Kommerz geopfert werden. Sogenannte christliche Politiker opfern den Sonntag für politische Verhandlungen und Gespräche, die sehr gut auch an anderen Tagen geführt werden könnten.
Aber: erwächst aus dieser Haltung Sicherheit, Halt, Verlässlichkeit? Für uns oder unsere Gesellschaft?
Die Kirche in Deutschland ist zwar die reichste Kirche der Welt, aber wer behaupten würde, dass die deshalb auch im Glauben stark und gefestigt sei, läge sehr weit von der Realität entfernt. Es gibt zwar Pastoralpläne zuhauf, Unternehmensberatungen die das pastorale Personal schulen, Kardinäle, Bischöfe, Gremien etc., Gespräche und Diskussionen ohne Ende. Aber all das beseitigt weder den Priestermangel, noch den Gläubigenmangel und legt auch nicht die Richtungsstreite bei, die allseits munter ausgetragen werden.
Kann es sein, dass ganz einfach nur die Aufforderung vergessen wurde: „Bittet den Herrn“?

In all dem ist Gott ganz einfach nicht mehr die entscheidende Größe, der Bezugspunkt, der Dreh- und Angelpunkt, auf den wir setzen und von dem wir alles erwarten.

Oder worauf verlassen wir uns im alltäglichen Leben? An den Krisen- und Wendepunkten des Lebens.
Spielt Gott da eine Rolle? Oder setze ich da lieber auf eine Versicherung, die man für alle möglichen und unmöglichen Falle abschließen kann.

Es geht auch anders!
Das zeigen uns die „Orte des Glaubens“: Taizé, Lourdes, Fatima, … verschiedene Klöster etc.
Hier sammeln sich Menschen die auf Gott setzen, die ihre Fühler auf Gott hin ausstrecken – und die das Eingreifen Gottes erfahren.
Sie strahlen Gewissheit, Stärke, Halt aus, die beeindruckt.
Es gilt eben nicht nur „Verflucht der Mann…“ sondern eben auch „Gesegnet der Mann…“

Ein für jeden erreichbarer Ort des Glaubens ist auch der Altar in der heimatlichen Kirche. Hier, um den Altar, um Christus versammelt, können wir unsere Fühler zu ihm hin ausstrecken, können wir die Wurzeln zur Quelle des Lebens in der Eucharistie vorantreiben. Hier können wir neuen Halt gewinnen und vertrauensvoll den Weg mit Gott gehen.
Wir müssen es nur wagen.

Das erfolglose Boot

Als Jesus seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so dass sie fast untergingen. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. (Lk 5,4-8)

Warum steigt Jesus gerade in das „erfolglose“ Boot des Petrus?
Es gab doch sicher dort auch andere „erfolgreichere“, stolzere und repräsentativere Boote als Alternative.
Aber Erfolg ist hier offensichtlich nicht das oberste Auswahlkriterium Jesu
Er sucht Menschen, die bereit sind, ganz auf ihn zu vertrauen, die auf die Kraft und Gnade Gottes setzen und von ihr alles erwarten. Hier trifft wohl auch das geflügelte Wort, dass Erfolg keiner der Namen Gottes ist.
Die Worte Gnade, Erbarmen, Liebe kommen da Gott und der Beschreibung seines Wirkens wohl schon näher.
Wir dürfen Jesus und damit Gott (wieder) in das Boot unseres Lebens hineinlassen.
Wenn wir dann im Angesicht seiner Größe erschrecken, dürfen wir im gleichen Augenblick von seiner Gnade, seinem Erbarmen, seiner Liebe alles erhoffen.

Provozierend…

In jener Zeit begann Jesus in der Synagoge in Nazareth darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs?
Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!
Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. (Lk 4,2130)

Da provoziert Jesus die Juden in der Synagoge aber heftig. Verständlich, dass sie aufbrausen, dass sie in Rage geraten, ihn an den Rand drängen und am liebsten zum Absturz bringen wollen. Denn sie sind gläubige Menschen und kennen sich in der Schrift aus. Und da kommt er, der den sie doch schon seit Jahren kennen, den dessen Herkunft sie zu kennen glauben und bietet ihnen neue Einsichten an. Das muss herausfordern, das kann überfordern.
Kann auch uns das Wort Gottes noch provozieren, herausfordern und manchmal gar überfordern?
Mir scheint, dass es diese Kraft oftmals verloren hat, weil Glaube verkümmert, verdunstet, oder einfach verloren gegangen ist. Das Wort Gottes, na und? Das ist etwas für den Sonntag und für den Kirchraum!
Aber Glaube ist eben nicht etwas, das noch so dazu kommt, das man sonntags mal rausholt und in der Woche dann wieder zur Seite legt.
Wenn ich aus der Bibel, aus der Geschichte Gottes mit seinem Volk weiß, wie sehr Gott sich um sein Volk sorgt, wenn es zu ihm ruft, dann ist es mir keine Last zu beten, sondern dann weiß ich, wenn ich zu Gott rufe, dann hört er mich und handelt !!
Wenn ich weiß, Gott liebt mich und schaut mich wertschätzend an, dann können andere Menschen an mir rauf und runter schauen, mich taxieren und in ihre Schubladen der (Vor-) Urteile einsortieren. Was soll´s? Was ist das gegen den liebenden Blick Gottes und sein stärkendes Wort?
Das Einzige, was mich dann noch provozieren kann sind Worte Jesu. Wenn mich seine Worte nicht mehr provozieren, dann gehe ich Ihnen nicht mehr nach und entdecke auch nicht, dass Gott auch die nicht aus dem Blick verliert, die eine neue Chance brauchen.
Und wie oft brauche auch ich selber diese neue Chance!
Wir brauchen keine perfekten Menschen zu sein, aber wir müssen mit ihm rechnen, uns ihm anvertrauen, auf ihn schauen, uns von ihm herausfordern lassen, dann gehören wir zu seinem Volk und er führt uns zur Heiligkeit.