Die Stimme Jesu hören

In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. (Joh 10,1-3)

Wie wunderbar aber auch für manche befremdlich, dass das Christentum keine Philosophie oder Ideologie ist. Es ist die Beziehung zu einer Person, die eine wirkliche und reale Stimme hat.
Die ersten Jünger hatten das Privileg, die Stimme des historischen Jesus zu hören. Sie haben den besonderen Ton der Stimme und ihre ganz eigene Prägung wahrgenommen.
Aber auch wir hören Jesu Stimme auf unsere eigene Weise, besonders, wenn wir die Texte der Bibel hören, die in unseren Gottesdiensten verkündet werden.
Wohlgemerkt, wir lesen die Bibel nicht nur; wir hören die Bibel!
Wir können die Stimme Jesu deutlich heraushören.
Auch aus den Worten von Menschen, die uns aus dem Geist Jesu heraus trösten oder herausfordern, die uns immer wieder zu höheren Idealen aufrufen und uns ermutigen, wenn wir fallen, können wir die Stimme Jesu hören.
Versuchen wir immer wieder, diese Stimme Jesu aus den vielen Stimmen herauszuhören, die unser Ohr erreichen! Lassen wir uns von dieser Stimme zu einem erneuerten und verwandelten Leben mit Gott führen!

Entgegen jeder Erwartung

Die beiden Jünger, die von Emmaus zurückgekehrt waren, erzählten den Elf und den anderen, die mit ihnen versammelt waren, was sie unterwegs erlebt und wie sie Jesus erkannt hatten,
als er das Brot brach.
Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.
Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an
und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.
Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.
Dann sagte er zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.
Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften. Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem, seid ihr Zeugen dafür. (Lukas 24,35–48)

Der auferstandene Jesus erscheint seinen elf Jüngern. Er erscheint nicht als Geist, Gespenst oder Halluzination. Er kann berührt und gesehen werden, er hat Fleisch und Knochen und kann gebratenen Fisch essen. Entgegen jeder Erwartung der Jünger war ein Toter durch die Kraft Gottes körperlich und ganz real vom Tod zurückgekehrt.
Es war wirklich Jesus, der Gekreuzigte, der von den Toten zurückgekehrt war.
Aber er kam nicht einfach wiederbelebt und weiterhin gebunden an Raum und Zeit. Es war nicht wie bei Lazarus, bei der Tochter des Jairus oder dem Sohn der Witwe von Naim, alles Menschen, die nur zum Leben zurückgekehrt waren, um wieder zu sterben.
Stattdessen wird der Körper Jesu, nicht mehr gebunden an Raum und Zeit, verwandelt und verklärt. Ein „geistiger“ Leib.
Jesus hat über den Tod und alles, was mit dem Tod zu tun hat, gesiegt. Sein auferstandener Leib ist ein Vorgeschmack und ein Versprechen dessen, was Gott mit uns vorhat.

Ostern ist unsere Erlösung!

Friedhöfe sind Orte des Nachdenkens, des Dankes, des Gedenkens.
Sie sind Orte der Ruhe und Endgültigkeit.
Das Letzte, was man an einem Grab erwarten würde, ist Neuheit und Überraschung.
Aber dann ist da das Grab Jesu.
In der Bibel wird uns berichtet, dass drei Frauen, Freunde und Jünger Jesu, am frühen Sonntagmorgen nach seiner Kreuzigung zum Grab ihres Meisters kamen, um seinen Leichnam zu salben.
Sie gingen sicher davon aus, dass sie sich, während sie sich dieser Aufgabe widmen, wehmütig an die Dinge erinnern würden, die ihr Freund gesagt und getan hatte.
Vielleicht würden sie ihren Frust über diejenigen zum Ausdruck bringen, die ihn an diesen Punkt gebracht hatten, ihn in seiner Stunde der Not verraten und verleugnet hatten und davongelaufen waren. Sicherlich erwarteten sie, in ihrem Kummer zu weinen.
Aber als sie ankamen, stellten sie zu ihrer Überraschung fest, dass der schwere Stein vom Eingang des Grabes weggerollt worden war. Waren Grabräuber am Werk gewesen?
Ihr Erstaunen verstärkte sich noch, als sie beim Blick in das Grab nicht den Leichnam Jesu sahen, sondern einen jungen Mann in Weiß, der verkündete: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch den Ort an, wo er lag!“ (Mt 28,5-6)
Die Botschaft des geheimnisvollen Boten war, nicht, dass jemand in dieses Grab eingebrochen war, sondern dass jemand ausgebrochen war.
In der Version des Markusevangeliums, der frühesten, die wir haben – wird die Reaktion der Frauen wie folgt beschrieben: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt.” (Mk 16,8)
Sind für uns die Gräber unserer Verstorbenen eher Orte dankbarer Erinnerung und stillen Gedenkens, so ist das Grab Jesu so verstörend, dass Menschen vor Angst davonlaufen.
Gerade heute sollten wir uns wieder dieser Verstörung, dieser Störung unseres Denkens, dieser Ungeheuerlichkeit von Ostern stellen.
Ostern ist unbegreiflich und die Botschaft von Ostern kann uns erschrecken, kann uns neu aufschrecken.
Stellen wir uns wieder der Ungeheuerlichkeit der österlichen Botschaft von der Auferstehung Jesu und reden wir sie nicht klein und versuchen wir sie nicht zu verharmlosen. Ostern ist kein Symbol, ist keine Metapher, ist kein Trugbild unserer Phantasie.
Ostern ist kein Mythos.
Ostern ist unsere Erlösung!
Das darf uns erschrecken, das darf uns verstören, das darf uns unfassbar erscheinen…
Das ist aber vor allem eines: Frohe Botschaft – Evangelium.
Und wir dürfen es staunend annehmen, so wie es die Jünger Jesu taten, als die dem Auferstandenen begegneten.
Als seine Apostel ihn nach seinem Tod wieder lebend sahen, wussten sie mit Gewissheit, dass er der ist, als der er sich selbst bezeichnet hatte, als Sohn Gottes. Sie fanden seine Worte auf die überraschendste und überzeugendste Art und Weise bestätigt.
Wunderbar ist es zusammengefasst, im Bekenntnis des Thomas, des ehemaligen Zweiflers, der, als er den auferstandenen Herrn sah, auf die Knie fiel und einfach sagte: „Mein Herr und mein Gott.“

Jesus lebt, mit ihm auch ich!!

Jesus lebt, mit ihm auch ich!
Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Jesus lebt und wird auch mich
von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht;
dies ist meine Zuversicht.

Jesus lebt! Ihm ist das Reich
über alle Welt gegeben;
mit ihm werd auch ich zugleich
ewig herrschen, ewig leben.
Gott erfüllt, was er verspricht;
dies ist meine Zuversicht.

Jesus lebt! Ich bin gewiss:
Nichts soll mich von Jesus scheiden,
keine Macht der Finsternis,
keine Herrlichkeit, kein Leiden.
Seine Treue wanket nicht;
dies ist meine Zuversicht.

Jesus lebt! Nun ist der Tod
mir der Eingang in das Leben.
Welchen Trost in Todesnot
wird er meiner Seele geben,
wenn sie gläubig zu ihm spricht:
“Herr, Herr, meine Zuversicht!”
(GL 336)

Wir werden dieses schöne Osterlied, das sich im Gotteslob als eines der neueren Lieder seit der Neuauflage findet, in diesem Jahr (wieder) nicht gemeinsam in den Kirchen singen können. Die Coronalage, die seit über einem Jahr unser Leben an allen Ecken und Enden beeinflusst, hält uns davon ab.
Aber verliert das Lied deshalb etwas von seiner Aussage?
Ist es deshalb weniger zutreffend?
Geradezu trotzig möchte ich es der Tristesse entgegenstellen, die sich in der Coronazeit immer wieder in unseren Gemütern breit machen will.
Das Lied ist eine schöne musikalische Zusammenstellung unseres Glaubens, der in dieser Krisenzeit sicher heftig angefragt wird.
Aber müssen wird deshalb am Glauben, müssen wir an Gott, an Christus, an der Zuversicht, die wir jahrzehntelang eingeübt haben zweifeln?
Eher ist es doch wie bei einem Baum.
Wenn er lange von den Stürmen und heftigen Winden völlig hin- und hergeworfen wird, wenn seine Zweige gerupft werden, dann treibt er geradezu trotzig seine Wurzeln tiefer in den Boden und gewinnt dadurch einen nur um so sicheren Halt und festeren Stand.
Natürlich werden auch wir, wird auch unser Glaube momentan mal wieder ganz heftig angefragt, durch Corona, durch Krisen in der Kirche, durch persönliche Schicksalsschläge.
Aber eines wissen wir in all dem:
Jesus lebt – Ostern ist kein Märchen, sondern Glaubensgewissheit!
Jesus hat längst alle Mächte der Welt durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung für uns besiegt!
Seine Treue wanket nicht!
Dies ist meine Zuversicht!
Und hoffentlich auch die Ihre!

Und so wünsche ich allen Besuchern der Website daher auch in diesem Jahr ein gesegnetes Osterfest

Ihr
Christoph Gundermann, Pfr.